In "Z-wie -Gespräch" Ina Lütke, Filialleiterin Karstadt Tempelhof: „Wir planen für 2010"

Te-Damm Magazin: Frau Lütke, was ist dran an den Pressemeldungen, daß ihre Filiale wohlmöglich demnächst schließen wird. Wird es Karstadt Tempelhof 2010 noch geben?
Lütke:
Ja, ganz klar! Diese Pressemeldungen sind obsolet. Da werden, vor allem über das Internet, oft Fehl- oder Halbinformationen verbreitet. Da muß ich mir wohl passende Frühjahrs-Events überlegen.

Also können Sie diese Gerüchte defintiv entkräften?
Lütke:
Ja, wir sind auch im neuen Jahr noch da! Karstadt Tempelhof ist ein Standort, den ich als positiv betrachte. Wir planen auch weiterhin für 2010. Das hat zwei Gründe: Einmal die Verkaufszahlen, zum anderen gibt es keinen großen Investitionsstau in diesem Hause. Das spricht für diesen Standort aus unternehmerischer Sicht. Der Fashionbereich wurde erweitert und die Sortimentsstruktur wurde immer wieder angepaßt. Das war wichtig und zahlt sich jetzt im Nachhinein aus. In der Kombination mit einem doch großen Stammpublikum ist das etwas, was zukunftsweisend Bestand haben kann. Wir sind dann doch nicht so austauschbar. 

Würde bei einer möglichen Übernahme von Karstadt durch den Kaufhof-Konzern der Standort selber erhalten bleiben?
Lütke:
Dazu kann ich nichts sagen und das ist sehr hypothetisch. Das Spekulieren ist schwierig, denn es hängt für viele Menschen ganz viel dran. Auch für die Einzelhändler vor Ort, die die Synergien nutzen und nicht zuletzt für die Kunden. Wir haben eine hohe Nahversorgerfunktion in vielen Bereichen. 
Man muß abwarten, was die Zeit bringt. 

Wie man der Presse entnimmt, fordert Insolvenzverwalter Klaus Hubert Görg harte Einschnitte bei den 40.000 Karstadt-Mitarbeitern. 
Von Einkommensverzicht und Streichnungen von Zuschlägen für bestimmte Dienstzeiten ist die Rede. Gleichzeitig erhielt Firmenchef Karl-Gerhard Eick eine Abfindung von 15 Mio. Euro. Da ist ein hohes Maß an Asymmetrie vorhanden. Sehen Sie da ein Problem bei den Mitarbeitern die Auflagen des Insolvenz-verwalters zu akzeptieren?

Lütke: Es gibt immer große, vereinfachende Überschriften. Aber die Dinge sind oft komplizierter. Man muß hier klar trennen: Die Zahlung an Herrn Eick ist teilweise von Sal. Oppenheim getragen worden. Da muß man genau in die Vertrags-bestandsteile schauen und die haben im Moment keine unmittelbaren Auswirkungen. Zum Thema Einschnitte bei den Mitarbeitern ist es so, dieser Prozeß wird gerade aktuell verhandelt mit den entsprechenden Sozialpartnern, wie Ver.di. Da ist es wichtig, den zweiten Schritt nicht vor dem ersten zu tun. Natürlich wird bei allen Beteiligten geschaut, wie können wir im Insolvenzplan das Unternehmen optimal aufstellen, wo sind noch Einsparungen möglich. Das ist auch nicht zu beschönigen.

Trotz schwarzer Zahlen, die Karstadt schreibt, sind die Zahlen im Einzelhandel insgesamt rückläufig. Wie sehen Sie die Zukunft des Warenhauses? Müßte sich Karstadt nicht eigentlich neu aufstellen?
Lütke: Ein viel diskutiertes Thema. Entscheidend ist, das die Verkaufsflächen, der Sortimentsmix und die Serviceleistungen letzten Endes immer am Puls der Zeit sind. Man sagt immer 'Handel ist Wandel' und das ist ja tatsächlich so. Es hat natürlich eine Verschiebung stattgefunden, ganz klar, im Rahmen der Marktanteile. Aber ich glaube, der Vorteil des Warenhauses ist, das man in ein Haus hineingehen kann beim Einkaufen und abteilungsübergreifend ein Konzept, eine Beratungsqualität, eine barrierefreie Sicht über verschiedene Sortimente hat. Es sind Synergien, die der Kunde gerne mitnimmt, gerade zu Weihnachten. Dieser Alles-unter-einem-Dach-Gedanke mit einer einheitlichen Service-Struktur bei Bedienung und Beratung, ein wichtiges Thema bei uns. Das kann in der Form bislang kein anderes Modell bieten. Bei einem stand-go-shop habe ich nicht diesen Angebotsmix. 

 

                                                                                                                                                                                                 

 

Hat Karstadt den Meta-Trend der Ökologie- und Bioprodukte nicht wahrgenommen oder zu spät erkannt? Denn der Klimawandel verändert das Konsumverhalten und -muster. Eigentlich müßte man darauf reagieren. Das ist von ihrer Produktpalette nicht wirklich aufgegriffen worden. Das macht das HafenCenter übrigens auch. Auch dort findet man zu diesem Trend sehr wenig.

Lütke: Ich glaube, das dieses Thema ist mittlerweile in den Lebensmittelregalen angekommen ist. Stichwort Bioläden oder Bioprodukte auch in konventionellen Lebensmittelläden ist das Thema schon ausgebaut. Es wird nur zuwenig kommuniziert. 

Ende April 2009 öffnete der HafenCenter Tempelhof. Wie bewerten Sie nach halben Jahr dieses Projekt, das ja auch für Karstadt eine Konkurrenz darstellt?
Lütke:
Da schlagen natürlich zwei Herzen in meiner Brust. Natürlich war während der Eröffnungszeit im April eine Frequenzverschiebung zu bemerken. Wobei wir uns mit unserem Jubiläum (40 Jahre Karstadt Tempelhof – die Red.) auch gut präsentiert haben. Aber wir spüren, dass wir einen sehr hohen Stammkundenanteil haben. In bestimmten Sortimenten sind wir im Vergleich zum Hafen anders aufgestellt. Es gibt natürlich Schnittmengen in den Sortimenten. Aber es gibt auch Dinge, wo die Kunden dann bei uns ihren Bedarf decken. Aufgrund dieser unterschiedlichen Sortimentstruktur kann man sagen: Konkurrenz belebt das Geschäft. Sicherlich nicht in allen Sortimentsbereichen. Aber im Großen und Ganzen ist das die Überschrift, die ich im Verhältnis zum HafenCenter wählen würde.

Der im Herbst veröffentlichte Handelsindex, stuft den Tempelhofer Damm als eine 1a-Stadtteil-Lage bei den Passantenströmen an. 
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Lütke:Für den Te-Damm ist es sehr wichtig, dass sich die Aufenthaltsqualität erhöht. Da sind wir natürlich ganz schnell beim Thema Schwerlastverkehr, Parkmöglichkeiten, und was auch immer dazu beiträgt: Begrünung, Beschilderung, Park & Ride-Systeme. Also, das ist ein ganz großes Thema, wo die Einzelhändler auch selber gefragt sind z.B. bei bei Fassadengestaltung oder Schaufensterdekoration. Ich bin da relativ pragmatisch: Wie fühl ich mich, wenn ich den Te-Damm rauf und runter gehe. Ich bin da sehr subjektiv, denn das ist der Kunde ja auch. Wenn ich auf einer Kreuzung am Te-Damm stehe und es kommt ein schnell fahrender Lkw vorbei, fühle ich mich unwohl, das ist einfach so. Hinzu kommt noch die enorme Lärmbelastung. Es ist wichtig, für die Zukunft Synergien unter den Einzelhändlern zu schaffen, um sich über die Prioritäten vor Ort klar zu werden.

Würden Sie Maßnahmen zur Einschränkung der LKw-Frequenz begrüßen?
Lütke: Ja, auf alle Fälle. Der Punkt betrifft sowohl uns, als auch die anderen Einzelhändler. Die Kunden sollen über den Te-Damm auch bummeln können. Wenn der Te-Damm sich entwickeln soll, ist ein ganz entscheidender Punkt.

Und eine Händlergemeinschaft am Te-Damm? 
Lütke: Ich glaube eine Interessensgemeinschaft kann für die Straße nur von Vorteil sein kann. Letztlich sind es die vielen inhabergeführten Läden, die den Unterschied ausmachen zwischen lauter Ketten. 
Die tragen es eigentlich.
Lütke:
Genau. Die dürfen sich auch nicht unterschätzen in der Masse. Das ist ganz wichtig. Und es ja auch ein großes Vertrauensthema, sich gemeinsam an einen Tisch zu setzen. Nur ein Papier in der Hand zu haben und über eine Interessens-gemeinschaft zu reden, reicht nicht. Es hat auch viel mit Netzwerk zu tun und das wollende Vertrauen in die Sache zu haben. Das ist nicht zu unterschätzen.

Würden Sie sich einer Händlergemeinschaft am Te-Damm anschließen? 
Lütke:
Karstadt ist daran auch an anderen Standorten beteiligt. Ich bin bereit da mit ins Gespräch zu kommen, ganz klar.

Welchen Strukturwandel braucht der Te-Damm? 
Lütke: Ich bin erst seit 2008 in Berlin und mit der Entwicklung dieser Straße noch nicht vertraut. Aber Konkurrenz belebt das Geschäft, so schwierig, es dann im Einzelfall ist. Aber da schließt sich der Kreis: Was muß auf dem Te-Damm passieren, um attraktiv zu bleiben, für die Kunden hier im Umfeld und im Tempelhofer Süden? Da fehlt es bislang am attraktiven Ladenmix und an der Aufenthaltsqualität. Beides hängt zusammen.  
 
Frau Lütke, vielen Dank für das Gespräch und alles Gute für 2010!

Das Interview führte Holger Wettingfeld, Fotos Michael Wartmann