Wave meets Gershwin - Joe Jackson-Konzert in Kreuzberger Passionskirche

Joe Jackson, der englische Allroundmusiker, gab am Samstag, den 25. Juli 2009 ein begeisterndes Konzert in der Passionskirche. Zum Tourneeabschluß seiner aktuellen CD "Rain" präsentierte der 55jährige Musiker, der seit 2007 in Kreuzberg lebt, die enorme stilistische Bandbreite seiner 30jährigen Karriere. Das Abschlußkonzert in dem überfüllten Sakralbau am Marheinekeplatz wurde zu einem gelungenen Heimspiel für einen Musiker, der seit Jahrzehnten mit anspruchsvollem Prog-Rock abseits des Mainstreams, in einer Liga mit Songwriter-Größen wie Cole Porter oder George Gershwin spielt. Wohl kaum ein zeitgenössischer Musiker weiß die Harmonien klassischer Musik mit dem Kick eines Pub-Rockers der Punk-Ära auf so magische Weise zu verbinden. Heraus kommen unwiderstehliche Song-Unikate, vergleichbar mit Beatles-Kompositionen. Die größte Überraschung: Der eigenwillige Musiker und Klavier-Impressario verzichtete bei seinem Konzert auf das Symbolinstrument des Pop – der Gitarre. Auch wenn für manche Popmusik ohne Gitarren „gar keine Musik ist“, wie „JJ“ irritiert anmerkte.

Eine Reduktion, die funktioniert und Raum für Neues ermöglicht.
Seine langjährigen Bandgefährten Graham Maby (Bass) und Dave Houghton (Schlagzeug) erzeugten ein federndes und treibendes Sound- und Rhythmusgerüst, in denen sich die pianolastigen Songperlen Jacksons wunderbar einfügten und entfalten konnten. 
Seine profunde Musikalität spielte er stilsicher auf den verschiedensten Feldern aus: Wave, Jazz, Latin. Und so präsentierte das Trio eine Mischung aus jazziger Kammermusik und (schweiß-)treibenden Wave-Spektakel. Ein leicht in die Jahre gekommenes Publikum dankte es und ging begeistert mit. Neben aktuellen Songs des in Berlin produzierten Albums "Rain" fanden zeitlose Klassiker wie „Can't get what you want“ „Steppin' Out“ „On Your Radio“ „Fools in Love“oder „Number Two“ dankbare Zuhörer, die bei „Is She Really Going Out With Him?“, ihrem „Where?“-Einsatz entgegenfieberten. 

Jackson, Absolvent des Londoner Royal College of Music, gehörte in den frühen 80ern mit Elvis Costello und Graham Parker zu den prägenden Wave-Musikern, vor allem durch sein Debüt "Look Sharp!" (1979). In der Folgezeit entwickelte sich der Ausnahmemusiker neben anderen „Eggheads“ wie Peter Gabriel und Sting zur intellektuellen Speerspitze der internationalen Popmusik. Mühelos wechselte er zwischen den verschiedenen Musikgenres von Wave über Jazz bis hin zur Klassik. Ein typischer Joe-Jackson-Song ist die enervierende Mischung aus vertrackter, treibender Rhythmik und eleganter Melodie, verbunden mit kritischen Texten. Aus diesen Ingredienzen hat der 55jährige zwar keine Charterfolge im Mainstream gefeiert, wohl aber bleibende Songperlen geschaffen, wie „Steppin' Out“. Gershwin läßt grüßen.
Die symphonische Weiterentwicklung mit Filmmusiken war für den Beethoven-Fan nur eine Frage der Zeit. 
2001 erhielt er für „Symphony No.1“ einen Grammy für die beste Pop-Instrumental-Aufnahme.

In der jüngeren Vergangenheit machte Joe Jackson als bekennender Raucher von sich reden. Sein Pamphlet "Smoke Lies and the Nanny State"
brachte ihm vor allem in den USA viel Kritik ein. 2007, nach zwei Jahrzehnten New York, zog er vom Hudson an die Spree. In seiner neuen Wahlheimat seien "die Menschen viel menschlicher als in London oder in New York", bekannte er in einem taz-Interview. Nach dem Konzert zündeten sich viele Zuhörer erst mal eine Zigarette auf der Straße an. Denn in den meisten Kneipen am Marheinekeplatz ist Rauchen seit 2008 verboten.

Zuvor gab es aber noch ein bewegendes Finale: Auch hier zeigte sich Jackson als stilsicherer Vollblutmusiker. Statt eines lauten "Knallers", kam mit dem „Slow Song“ ein leiser, intensiver Abschiedskuss: Mit diesem Klassiker verabschiedete sich Jackson mit einem kleinen statement, denn: „Music has charme they say, but in some people's hands, it becomes a savage beast“. Das Publikum verstand, wartete bis der letzte Ton der Pianoballade verhallt war und goß mit standing ovations einen langen, warmen Applausregen aus.
Ein sichtlich ergriffener Joe Jackson bedankte sich bei seinem Publikum. Doch das sollte an diesem Abend das letzte Wort haben und antwortete „Thank You!“ mehrkehlig zurück! 

Holger Wettingfeld

Weitere Infos www.joejackson.com