Serie "Tempelhofer Größen" - Auftakt-Interview mit dem Fotografen Robert Lebeck:"Wir konnten in der Arnulfstraße Tennis spielen"

Eine Weltkarriere, die in Tempelhof ihren Anfang nahm. Robert Lebeck, Doyen der deutschen Foto-Reportage und Chronist der Bundesrepublik, schuf Foto-Ikonen der Zeitgeschichte. 30 Jahre lang prägte er mit seinen Fotos und Reportagen das Bild des "Stern", er fotografierte für Zeitschriften wie «Kristall» "Geo", "Life" und «Paris Match». Ein «echter Lebeck» bietet etwas mehr, als gewöhnliche Fotografien, ist intimer, lebendiger. Viele davon haben das schwarz-weiße Fotogedächtnis einer ganzen Generation geprägt: Willy Brandt auf dem Esel, Jackie Kennedy in Trauer, Khomeini ohne Turban, König Baudouin ohne Säbel und immer wieder Romy Schneider. Robert Lebeck erhielt 2007 als erster Fotograf den Henri-Nannen-Preis für sein Lebenswerk. Seine Name reiht sich ein in die Liste die Großen der Fotografie: Eisenstaedt, Brassaï, Cartier- Bresson. Seine Werkschau im Frühjahr 2009 im Martin-Gropius-Bau sahen über 60.000 Besucher. 
Im Gespräch mit Holger Wettingfeld, dem Herausgeber des Tempelhof-Magazins spricht Robert Lebeck über seine Karriere und seine Kindheit in Tempelhof. 

Te-Damm Magazin: Herr Lebeck, Sie waren ein Leben lang ein Weltreisender. Erst 2001 kamen Sie zurück nach Berlin. Was war Ihr Eindruck, als sie Tempelhof, wo sie aufgewachsen sind, wieder besuchten?
Lebeck: Es ist ja ein Wunder, wieviel nicht zerstört worden ist, im letzten Krieg. 
Das Ullsteinhaus. Die Volksschule. Auch unser Haus in der Arnulfstraße.  

Sie sind 1929 in Schöneberg geboren. Wann zogen Sie nach Tempelhof ?
Lebeck: 1934 zogen mein Vater und meine Großmutter in eine 2,5-Zimmer-Wohnung mit Balkon in der Arnulfstraße am Attilaplatz. Meine Eltern hatten sich getrennt wegen der Krankheit meines Vaters, er hatte Multiple Sklerose. Überraschenderweise sprach der Richter ihm das Sorgerecht zu. 

Wo war Ihre Grundschule?
Lebeck: Die Volksschule befand sich zwischen Attilaplatz und Ullsteinhaus. Da, wo die ganzen Nibelungen in den Straßennamen stehen. 
 

                                                                                                                                                                   

Das ist die heutige Paul-Klee-Schule. Haben Sie Erinnerungen daran? 
Lebeck: Unangenehme. Da war morgens immer Appell. Wir mussten auf dem Schulhof antreten und dann wurde das Horst-Wessel-Lied und das Deutschland-Lied gesungen. Die ganze Zeit mußten wir Kinder die Hand zum Hitlergruß hoch halten und die Lieder waren lang. Wenn der Arm lahm wurde, haben wir die linke Hand als Stütze genommen.
Wo waren Ihre Spielplätze?
Lebeck: Da waren Schrebergärten in den Höfen. Da gab es auch richtige Bandenkämpfe. Also, das Karrée Arnulfstraße gegen das Karrée Kaiserin-Augusta-Straße. Wir konnten sogar auf der Arnulfstraße Tennis spielen, so wenig Verkehr gab es damals. Und dann waren wir oft auf dem «Filmgelände», wie wir es nannten. Da sind früher Stummfilme gedreht worden. Ganz in der Nähe der Arnulfstraße, auf der Marienhöhe. 
Da standen Filmkulissen? 
Lebeck: Ja! Das war ein fantastisches Gelände zum Spielen. Dort war ein Stück Wüste und ein Stück Dschungel. Da konnte man sich Karl May vorstellen. Das war ein funktionierendes Filmgelände. Für jeden Film die passende Kulisse, die man sich aussuchen konnte. 

Was haben Sie sonst so gemacht als Junge in Tempelhof?
Lebeck: Ich bin gern ins Kino gegangen, ins «Tivoli» in der Friedrich-Karl-Straße. Da ist jetzt ein Fitness-Center drin. Nach meiner Ankunft in Berlin war ich einige Male da. Das Haus sieht gut aus! Die alten Fenster sind erhalten worden. Man merkt, das ist behutsam renoviert worden. Ich habe mir da vor allem Shirley Temple-Filme angesehen.
Passend zu Tempelhof! Warum gerade Shirley Temple?
Lebeck: Sie war ja in meinem Alter. Acht, neun Jahre alt. Das war die beste Zeit von Shirley Temple. Da hatte sie ihre erfolgreichsten Filme. 

Haben Sie besondere Erinnerungen an Tempelhof? 
Lebeck:Ich erinnere mich Anfang 1943, da brannten nach einem Bombenangriff Häuser in der Friedrich-Karl-Straße, Ecke Werderstraße. In der Nähe steht heute noch ein Bunker, sehr unauffällig. Das war ein Luftschutzbunker für Leute, die Angst hatten, ihr Haus stürzt zusammen. Wir haben noch Möbel aus dem brennenden Haus rausgeholt, im letzten Moment. Dann klappte der Giebel auf die Straße. Hätte man leicht was abkriegen können.

Wie stand Ihr Vater zu Hitler?
Lebeck: Ich war politisch schizophren aufgewachsen. Mein Vater war Sozialdemokrat und großer Hitlergegner. Aber er war mehr oder weniger hilflos mit der Multiplen Sklerose. Sie müssen sich vorstellen, er konnte nicht mal Radio anmachen. Er konnte weder eine Zeitung halten noch ein Buch halten. Ich habe ihm vorgelesen, sobald ich das konnte. Wir hatten Angst, daß er als Nazi-Gegner abgeholt und ihm als «unwertes Leben» eine tödliche Spritze verpasst würde. Mit zehn wurde ich Pimpf, das war ein gewisser Schutz für ihn. Wir wurden gleich eingesetzt am Großen Stern. Die «Straße des 17. Juni», hieß damals «Ost-West-Achse». Hitlers 50. Geburtstag am 20. April 1939. Und wir standen da und mußten jubeln.
Was für einen Beruf hatte Ihr Vater?
Lebeck: Er war Jurist, Gerichtsassessor und arbeitete in einer Kanzlei am Savignyplatz, bei Rosenbergs. Und die haben sich rührend um uns gekümmert.  Frau Rosenberg hat mir entscheidende Geschenke gemacht.
Inwiefern?
Lebeck: Sie hatte mir den ersten Fotoapparat geschenkt. Eine Agfa Box, wie sie auch Grass beschreibt. Aber leider wurden die Bilder nichts. Ich bin an meine Mitschüler zu nah rangegangen und wunderte mich, dass alles unscharf war. Damals mußte man mindestens einen Meter Abstand einhalten. Und dann schenkte sie mir zum Geburtstag einen Globus. Da konnte ich dann immer schauen, wo die Länder liegen, die auf den Briefmarken abgedruckt waren, die ich sammelte. Der Atlas genügte mir nicht. Ich wollte die Zusammenhänge wissen.
Auf welches Gymnasium sind Sie gegangen?
Lebeck: Das hieß damals noch Leo Schlageter. Heute Askanisches Gymnasium. Auch da ist alles vom Krieg verschont geblieben. Auch die Glaubenskirche gegenüber, wo wir Konfirmationsunterricht hatten. Zur Konfirmation konnte ich mir nichts kaufen. Ich habe mir dann braune Knickerbocker geliehen. Mein Vater bekam eine Gnadenrente von 160 Mark, davon gingen 90 Mark für die Miete drauf und 20 Mark für Schulgeld. Da blieb nicht viel übrig. Irgendwie habe ich das Alles mit meinem heiteren Gemüt lächelnd durchstanden.  

Nicht umsonst nannte Henri Nannen Sie später «Smiling Bob». Vor allem hatten sie eine Aufgabe. Ihren Vater!
Lebeck: Ja, mein Vater. Der war immer da. Bei anderen Kindern war er entweder bei der Arbeit oder im Krieg als Soldat. Aber er war immer an seinem Platz. Ich brauchte nicht lange suchen oder auf ihn warten. So habe ich immer das Beste aus jeder Situation gemacht. 
Ist aus dieser speziellen Situation dieses Fernweh erwachsen? Sie sind ja später viel in der Welt herumgereist.  
Lebeck: Das Fernweh, ja. Ich weiß nicht, ob das entstanden ist, weil man im Dritten Reich eben nicht raus konnte. Das wäre bei uns sowieso nicht gegangen, weil wir kein Geld hatten. Oder auch durch die Bücher, die ich gelesen habe, Robinson Crusoe fand ich toll und vor allem Schulz-Kampfhenkels «Rätsel der Urwaldhölle». 

Sie haben sich 1943, mit 14 Jahren, freiwillig als Flak-Helfer gemeldet. Warum?
Lebeck:
Ende 1943 wurde meine ganze Schulklasse eingezogen. Ich war der Jüngste, Jahrgang ’29, alle anderen waren Jahrgang '28. Ich habe damals einen Jahrgang übersprungen, um früher mit dem Abitur fertig zu werden. Meinem Vater zu Liebe. Aber er starb im gleichen Jahr, während meiner Kinderlandverschickung in der Tschechoslowakei. Danach habe ich mich freiwillig gemeldet, denn ich wollte nicht als einziger sitzenbleiben. Ich wurde 1944 vor Stettin eingesetzt, flüchtete zu Fuß vor den Russen und geriet dann kurz in englische Gefangenschaft. Ich war der einzige aus meiner Klasse, der den Krieg überlebt hat.

Kehrten Sie noch mal zurück nach Tempelhof?
Lebeck: Ich bin 1946, an meinem 17. Geburtstag schwarz im Interzonenzug nach Berlin gefahren, ohne einen Erlaubnisschein, ohne Transitvisum und hab einen Mordsdusel gehabt, dass die Russen mich nicht geschnappt haben. Ich hatte Sauglück!
Sie wollten das Kapitel hier abschließen.
Lebeck: Ja. Ich war etwa eine Woche in Berlin, habe die Wohnung meines Vaters aufgelöst und die Möbel verkauft für 26.000 Reichmark. Von dem Geld habe ich mir in einem Kiosk am Attilaplatz, den es heute noch gibt, die zweite Kamera gekauft – einen ziemlich komplizierten 6x9-Apparat, der mir aber keine Freude bereitete.  
Ein weiterer Versuch, der scheiterte. Dann haben Sie sich entschlossen Ethnologie zu studieren.
Lebeck: Ja, aber vorher habe ich 1948 mein Abitur nachgeholt dann in Zürich und New York Völker-kunde studiert, Aber es ödete mich nach einigen Semestern an, etwas aus Büchern über den Inzest der Eskimos zu lernen.
Wenn die ersten Begegnungen mit einem Fotapparat misslangen, gab es eine Initialzündung, die Sie zu Ihrer Berufung führte?
Lebeck
: Das war wieder ein Geschenk. Diesmal von meiner ersten Frau, nach meiner Rückkehr nach Deutschland. Und zwar hat sie mir 1952 eine Kamera geschenkt. Eine Kodak Retina 1a. Es war wie eine zweite Geburt. Ich habe einfach die Gebrauchsanweisung gelesen.
Zehn Minuten Ausbildung?
Lebeck: Ja, und dann habe ich wie wild losgelegt bei Heidelberger Lokalzeitungen. Und, komisch, das erste Bild, das gedruckt wurde, war Adenauer auf dem Titel einer Zeitung.

Wer sind Ihre Vorbilder?
Lebeck: Erich Salomon und Alfred Eisenstaedt.
Große Reportagefotografen. Sie haben Anfang der 60er Jahre mit ihren Fotoreportagen für «Kristall» den Deutschen die Welt ins Haus gebracht. 
Lebeck:
Ich habe 1960 Afrika bereist, 1961 Asien und 1962 die Sowjetunion. Alle diese Bilder, die besten davon, 253 Fotos, kamen sofort 1962 ins Museum für Kunst und Gewerbe. War meine erste Ausstellung!
Sie waren insgesamt 17 Mal von 1962 bis 1989 in der damaligen UdSSR.
Lebeck:
Damals gab es gar nicht so viele Fotoreporter. Eigentlich gab es mehr Illustrierte als Reporter. Aber natürlich spielt Glück und Intuition eine große Rolle.

Ein gutes Stichwort. Wir sind hier in ihrem Archiv, lassen Sie uns über einige Ihrer bekanntesten Bilder sprechen: 1961 die Unabhängigkeitsfeier des Kongo mit Lumumba. Dort entstand das berühmte «Säbelläufer»-Foto. Hat der belgische König den Diebstahl nicht bemerkt?
Lebeck:
Nein, er hatte ihn nicht umgeschnallt, sondern abgelegt, hier auf dem Rücksitz. Der «Dieb» rannte auf mich zu und da habe ich intuitiv auf den Auslöser gedrückt, als einziger.
Ein wahrhaft entwaffnendes Bild am Unabhängigkeitstag! Wissen Sie, was mit dem Mann passiert ist?  
Lebeck
: Er wurde sofort verhaftet. Jahre später fragte ich noch mal bei Mobutu an, erhielt aber keine Auskunft.

 

 

Churchill-Besuch 1956 in Bonn! Wie haben Sie eigentlich dieses Foto machen können? Waren sie akkreditiert?
Lebeck
: Das ist eine komische Geschichte. Die Fotografen mußten gehen und deshalb hab ich mich hinterm Vorhang versteckt. Das war wirklich so. 
Fotografieren heißt Regeln verletzen!
Lebeck: Ja. Und dann hörte ich Adenauer plötzlich fragen, ist denn kein Fotograf mehr da? 
Der sah seine Schwiegertochter, eine schöne Schwedin, mit Churchill im Gespräch. Churchill hatte einen Schlaganfall gehabt und wurde auf einmal durch deren ausladendes Dekolleté munter. Adenauer hat das sofort erfasst. Das Bild wollte er gerne haben. Nun war aber kein Fotograf mehr da. Adenauers Pressechef, Felix von Eckhardt war dann ganz glücklich, als ich da auf einmal auftauchte. Eigentlich hätte er mich verhaften müssen. 
 

Wie empfinden Sie Tempelhof heute?
Lebeck: Ich bin da letztens spazieren gegangen. Am Rathaus und Alt-Tempelhof, am Teich und an der alten Dorf-Kirche. Die erinnerte mich an ein Mädchen aus meiner Klasse, auf deren Geburtstagsfeier gab es Coca-Cola. Große Überraschung. Amerika war damals noch nicht im Krieg mit Deutschland, da konnte sie das machen. Aber es war total exotisch für mich. Ich hätte mir das nie leisten können. Ich hab immer Leitungswasser getrunken! Auch heute noch. 
Ihr Jahrgang, 1929, ist ein ganz besonderer Jahrgang. Es gibt ja sehr viele prägende Persönlichkeiten, die, wie Sie, in dem Jahr geboren sind: Habermas, Dahrendorf, Enzensberger, oder auch Freunde von Ihnen wie Hundertwasser oder Horst Janssen. 
Wie würden Sie ihren Stil beschreiben? 

Lebeck: Keine Inszenierung. Meine Fotos sollten nie nach Arbeit aussehen. Eher wie ein Seiltänzer, mühelos nach außen und konzentriert nach innen. 
Haben Sie schon mal dran gedacht, Tempelhof in der aktuellen Sicht zu zeigen? Haben Sie noch Bilderhunger?
Lebeck: An ein Berlin-Buch denke ich dauernd. Ich experimentiere mit «Wackelbildern», die ich mit meiner digitalen Lumix-Kamera schieße. 
Ein Geschenk meiner Frau.
Da wird ein Stück Tradition fortgesetzt. Was ist mit den Orten, an denen Sie aufgewachsen sind?
Lebeck:
Wer will das sehen?
Das käme auf den Kontext an. Zum Schluß: Welcher Mensch hat Sie am meisten beeindruckt?
Lebeck:
Romy Schneider, eindeutig.
Robert Lebeck, vielen Dank für das Gespräch!

Das Interview führte Holger Wettingfeld, Fotos: Ralf Flucke.
 

Weitere Infos unter:www.lebeck.de